Thema: „Ehre sei Gott und Friede auf Erden“

16. Januar 2011

 

Predigt von Prof. Dr. Konrad Raiser

bei der Ökumenischen Vesper der ACK Bonn

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wie auch in früheren Jahren findet dieser Vespergottesdienst zum Beginn der ökumenischen Gebetswoche für die Einheit der Christen an einem ungewöhnlichen Ort statt, dessen Wahl durch das Thema des Gottesdienstes motiviert ist. Dieser Keller, der während des letzten Krieges als Luftschutzbunker diente, symbolisiert zugleich die dankbare Erinnerung daran, dass wir in diesem Teil der Welt schon seit mehr als sechzig Jahren in Frieden leben können, aber auch die Mahnung, der Millionen von Menschen zu gedenken, die heute unter Gewalt, Krieg und der Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen zu leiden haben und sich nicht dagegen schützen können.

 

Als Thema für diesen Vespergottesdienst ist das Motto gewählt worden, das über der für Mai dieses Jahres geplanten Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation in Kingston/Jamaika steht: „Ehre sei Gott und Friede auf Erden“. Mit der Konvokation kommt die ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt zum Abschluss, die im Jahr 2001 vom ÖRK ausgerufenen wurde. Das Thema enthält die Friedensbotschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem, die die Geburt des Kindes in der Krippe als Beginn der göttlichen Herrschaft des Friedens ankündigen. Sie klingt auch in den anderen Texten nach, die wir als Teil der Liturgie gesprochen oder gehört haben: dem 85. Psalm, über dessen Verheißung von Frieden und Gerechtigkeit Dietrich Bonhoeffer im Jahr 1934 seine berühmte Andacht bei der ökumenischen  Konferenz in Fanø/Dänemark mit dem Aufruf zu einem großen Friedenskonzil hielt, ebenso wie die zentralen Sätze in der Bergpredigt Jesu, die die Gewaltlosen und die Friedensstifter selig preisen, und natürlich auch das bekannte Friedensgebet aus der im Krieg von deutschen Bomben zerstörten Kathedrale in Coventry/England, das zum geistlichen Band der Nagelkreuzgemeinschaft als einer ökumenischen Friedensbewegung geworden ist.

 

Als der ÖRK vor 10 Jahren die Kirchen in der ökumenischen Gemeinschaft dazu aufrief, sich aktiv für die Überwindung von Gewalt einzusetzen, geschah dies mit dem Ziel, den biblischen Friedensauftrag vom Rand in Zentrum des Lebens und Zeugnisses der Kirche zu rücken. Dem sollte auch das Unterthema der Dekade dienen: ‚Kirchen auf der Suche nach Versöhnung und Frieden’. Ich erinnere mich noch gut an den Impuls, der bei der Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK in Johannesburg 1994 zur Formulierung eines Programms zur Überwindung von Gewalt führte, das dann vier Jahre später ausgeweitet wurde zur Dekade. Wir tagten zum ersten Mal in Südafrika und zwar wenige Monate vor den ersten wirklich demokratischen Wahlen, mit denen das System der Apartheid beendet werden konnte. Der methodistische Bischof Stanley Mogoba rief damals in seiner Predigt zur Eröffnung der Tagung dazu auf, nach dem erfolgreichen Abschluss des Kampfes gegen Rassismus und Apartheid alle Kräfte für die Bekämpfung der Gewalt zu mobilisieren. Er sah deutlich voraus, dass Südafrika noch lange mit dem Erbe der tief eingewurzelten Kultur der Gewalt zu kämpfen haben würde. Der Vers aus dem Römerbrief, der für die evangelischen Kirchen als Jahreslosung für dieses Jahr ausgewählt wurde: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm. 12, 21), diente dann als Anstoß für die Formulierung des Ziels der Dekade, d.h. nicht „Bekämpfung“ sondern  „Überwindung von Gewalt“. Auch der Kampf gegen die Gewalt bleibt gefangen in der Logik von Gewalt und Gegengewalt; das Ziel muss vielmehr sein, dem Geist und der Kultur der Gewalt eine Alternative, eine Kultur des Friedens, der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung entgegen zu stellen.

 

Im Verlauf der 10 Jahre der Dekade sind viele eindrucksvolle Praxisbeispiele aus Kirchen in allen Teilen der Welt bekannt gemacht worden, die mit gewaltfreien, zivilen Mitteln daran arbeiten, Situationen der Gewalt zu transformieren. Dazu gehören z.B. die von Braunschweig ausgehende Aktion „Schritte gegen Tritte“, die internationale Kampagne der Quäker für „Alternativen zur Gewalt“, aber auch die verschiedenen christlichen Friedensdienste von „Pax Christi“, dem „Schalom-Diakonat“ bis hin zum ökumenischen Begleitprogramm für Palästina und Israel. Bei der Friedenskonvokation in Kingston werden sicherlich noch viele weitere ermutigende Beispiele und Erfahrungen zusammengetragen werden.

 

Auch wenn der Schwerpunkt der Dekade auf der „Überwindung“ und nicht so sehr auf der Analyse der Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt liegen sollte, so hat doch das Stichwort der„Gewalt“ seine eigene, kritische Anziehungskraft bekommen. Die Dekade wurde an vielen Orten zum Anstoß, sich mit den gewaltförmigen und gewaltträchtigen Beziehungen und Strukturen im zwischenmenschlichen und im gesellschaftlichen Leben auseinander zu setzen. Die zahlreichen Fälle von Missbrauch und sexualisierter Gewalt, vor allem gegen Kinder und Jugendliche, auch und gerade in kirchlichen Einrichtungen, haben aufgedeckt, wie tief die Wirklichkeit von Gewalt bis in das Leben der Kirchen hineinreicht. In den Berichten aus vielen Kirchen steht die Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt, vor allem gegen Frauen und Kinder, im Vordergrund der Bemühungen. Andere legten den Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit Formen struktureller Gewalt in Gestalt von sozialer und wirtschaftlicher Ausgrenzung und der Verletzung elementarer Menschrechte. Die Dekade hat darüber hinaus zum Bewusstsein gebracht, in welchem Maß unser Umgang mit der natürlichen Mitwelt die Züge von Gewalt trägt, durch welche das empfindliche Gleichgewicht im Haushalt des Lebens, z.B. durch den Klimawandel, in kaum mehr aufhaltbarer Weise gefährdet wird. Und schließlich erleben wir, dass auch nach dem Ende der Periode des Kalten Krieges und der kurzeitigen Hoffnung auf eine neue Friedensordnung Sicherheit wieder in erster Linie als eine Frage der Bereithaltung militärischer Mittel zur Antwort auf internationale Krisen und Konflikte buchstabiert wird, während für zivile Friedensdienste die Mittel und die öffentliche Aufmerksamkeit fehlen.

 

Die Konvokation in Kingston wird diese kritischen Einsichten und Erfahrungen aufnehmen und in vier thematischen Blöcken der Frage nachgehen, wie Christen und Kirchen angesichts dieser unterschiedlichen Erscheinungsformen von Gewalt zu Trägern einer Kultur des Friedens und der Versöhnung werden können. In Plenarvorträgen, Seminaren und einer Vielzahl von so genannten „workshops“ werden sich die Delegierten mit den Themen: Frieden in der Gemeinschaft, Frieden mit der Erde, Frieden in der Wirtschaft und Frieden zwischen den Völkern auseinandersetzen. Dabei wird es nicht nur um den Erfahrungsaustausch und die wechselseitige Ermutigung im Eintreten für eine Kultur des Friedens gehen. Die Konvokation wird darüber hinaus zu einem Prüfstein für das christliche, ökumenische Friedenszeugnis werden. Was haben die Kirchen im Verlauf der Dekade gelernt im Verständnis des christlichen Friedensauftrages? Ist es gelungen, das Friedenszeugnis nicht nur als eine praktische sondern auch als eine geistliche Herausforderung im Zentrum des Lebens und der Verkündigung der Kirchen zu verankern? Sind die Kirchen heute bereit, sich in der Nachfolge Jesu auf den Weg der Gewaltfreiheit einzulassen und nicht nur der Bereithaltung, Weiterverbreitung und dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen eine Absage zu erteilen, sondern alle Versuche einer theologischen oder moralischen Rechtfertigung des Einsatzes von militärischer Gewalt in Frage zu stellen und auf das Konzept des „gerechten Krieges“ in seiner üblichen Verwendung zu verzichten?

 

Als die Vollversammlung des Ökumenischen Rates im Jahr 2006, und d.h. zur Halbzeit der Dekade, in Porto Alegre zusammenkam, beschloss sie nicht nur, die Dekade mit einer Friedenskonvokation abzuschließen, sondern auch einen Beratungsprozess zur Ausarbeitung einer „Ökumenischen Erklärung zum Gerechten Frieden“ in die Weg zu leiten. Damit verband sich die Hoffnung, dass es gelingen könnte, die entscheidenden theologischen und geistlichen Einsichten der Dekade in der Vision eines „gerechten Friedens“ zusammen zu fassen und verbindlich zum Ausdruck zu bringen. Dieser Beratungsprozess hat in den Jahren von 2008-2010 stattgefunden und viele Kirchen und ökumenischen Gruppen, gerade in Deutschland, haben sich intensiv daran beteiligt. Als Ergebnis wird dem Zentralausschuss des ÖRK bei seiner nächsten Sitzung in fünf Wochen ein „Ökumenischer Aufruf zu einem gerechten Frieden“ unter dem biblischen Motto „Lenke unsere Schritte auf den Weg des Friedens“(Lukas 1,79)  zur Beratung und Beschlussfassung vorgelegt werden. Nach der Verabschiedung durch den Zentralausschuss wird dieser Text als grundlegendes Arbeitsdokument an die Konvokation weitergeleitet werden.

 

Der Aufruf ist zwar noch nicht die erhoffte verbindliche ökumenische Friedenserklärung, denn es hatte sich gezeigt, dass der Beratungsprozess zwar die Kirchen in Europa und Nordamerika erreicht hatte, aber dass die Stimmen der Kirchen im globalen Süden, die am stärksten von den Auswirkungen der Kultur der Gewalt betroffen sind, bislang noch nicht wirklich zu Gehör gekommen sind. Der Aufruf versteht sich daher als eine eindringliche Einladung an die Kirchen in der ökumenischen Gemeinschaft, sich auf den Weg des gerechten Friedens einzulassen in der Hoffnung, dass auf diese Weise, zusammen mit den Verpflichtungen, die sich aus der Friedenskonvokation in Kingston ergeben, die nächste Vollversammlung des ÖRK im Jahr 2013 in die Lage versetzt werden könnte, einen „neuen ökumenischen Konsens im Blick auf Gerechtigkeit und Frieden zu erreichen“.

 

Der Aufruf, der nach der Beratung im Zentralausschuss veröffentlicht wird, ist formuliert in der Überzeugung, dass wichtige Grundelemente eines solchen neuen ökumenischen Konsenses bereits vorhanden sind. Ich nenne als erstes die Einsicht, dass der Aufbau einer Kultur des Friedens nicht nur eine ethische und praktische Aufgabe, sondern eine zentrale theologische und geistliche Herausforderung darstellt. Der Friede, den die Engel in ihrer Botschaft an die Hirten in Bethlehem ankündigen, ist letztlich eine Gabe Gottes; er übersteigt, wie der Apostel Paulus sagt, alle menschliche Vernunft und ist daher auch nicht das Ergebnis menschlicher Bemühungen. In Anlehnung an den bekannten Satz Gandhis: Es gibt keinen Weg zum Frieden, Friede ist der Weg, beschreibt der Aufruf den gerechten Frieden als einen Weg in der Nachfolge Jesu, der durch sein Leben und seine Verkündigung, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung selbst zur Verkörperung der Gabe des Friedens geworden ist. Daher ist der Aufbau einer Friedenskultur eine geistliche und theologische Herausforderung, die uns im Wesenskern unseres Kircheseins betrifft.

 

Der zweite Kristallisationspunkt für einen ökumenischen Konsens ist die Einsicht, dass Frieden und Gerechtigkeit unlösbar miteinander verbunden sind. Allzu oft, so heißt es in den Aufruf, verfolgen wir Gerechtigkeit auf Kosten des Friedens und Frieden auf  Kosten der Gerechtigkeit. Frieden getrennt von Gerechtigkeit anzustreben, heißt, die Hoffnung zu kompromittieren, dass nach der Verheißung des 85. Psalms „Gerechtigkeit und Frieden sich küssen werden“. Die biblische Tradition macht, wenn sie von Schalom spricht, die Gerechtigkeit zur untrennbaren Gefährtin des Friedens; beide weisen auf gerechte und nachhaltige Beziehungen in der menschlichen Gemeinschaft, auf die Lebendigkeit unserer Beziehung zur Erde und die Bewahrung der Schöpfung hin. Friede geht verloren, wenn Ungerechtigkeit, Armut und Krankheit – ebenso wie bewaffnete Konflikte, Gewalt und Krieg – den einzelnen Menschen, der menschlichen Gemeinschaft und der Erde Wunden zufügen.

 

Damit ist auch die dritte wichtige Einsicht schon genannt, die sich im Verlauf der Dekade herausgeschält hat: der rücksichtslose Umgang mit den natürlichen Ressourcen, der Klimawandel und der Kampf um den Zugang zu sauberem Wasser, sind zu akuten Bedrohungen des Friedens geworden. Die Vision eines gerechten Friedens muss daher über die Wiederherstellung von gerechten Beziehungen in und zwischen den menschlichen Gemeinschaften hinausgehen; sie verpflichtet uns ebenso dazu, uns um die Erde als unser Zuhause zu kümmern. Im Vertrauen auf Gottes Verheißung müssen wir danach streben, dass alle Menschen gleichberechtigt und gerecht an den Ressourcen der Erde teilhaben können.

 

Für Gottes kostbares Geschenk der Schöpfung Sorge zu tragen und nach ökologischer Gerechtigkeit zu streben, sind zentrale Grundsätze des gerechten Friedens.

 

Auch wenn wir den wahren Frieden von Gott erwarten und Gott dafür die Ehre geben, so kündigen die Engel doch mit dem Kommen Jesu den Frieden auf Erden an. Als Christinnen und Christen sind wir in der Nachfolge Jesu einbezogen in die Verwirklichung dieses Friedens. Der griechische Kirchenvater Basilius hat diese Überzeugung in den Satz gefasst: „Nichts zeichnet einen Christen so sehr aus als dies: Friedensstifter zu sein“. Und so schließe ich mit Gebetsruf aus dem Lobgesang des Zacharias, der zum biblischen Motto für den Aufruf zum gerechten Frieden geworden ist: „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“. Amen

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